Die Bedeutung des Meisters in den traditionellen Kampfkünsten

von Thorre Schlaméus
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Der Rolle des Meisters wird in den Kampfkünsten eine entscheidende Bedeutung beigemessen. Mythen und Spekulationen um dessen Gestalt, Persönlichkeit und Fähigkeiten haben jedoch im Laufe der Jahrhunderte eine Verzerrung der Tatsachen bewirkt, die es schwer macht, sich Funktion und Bedeutung dieser Zentralfigur spiritueller Methodik unvoreingenommen zu nähern. Natürlich steht auch der Verfasser dem Problem einer systematischen Erörterung des Meister - Phänomens etwas ratlos gegenüber, denn wie sich zeigen wird, haben wir es hier mit einer Singulariät zu tun, das heißt, die Einzigartigkeit des Phänomens in seiner kulturhistorischen, spirituellen, gesellschaftlichen und schulungspraktischen Tragweite macht jede Annäherung äußerst schwierig.

Auf die Strategien der Kampfkunst zurückgreifend will ich mich deshalb zunächst der traditionellen Systematik bedienen, die den Typus des Meisters anhand seines spirituellen sowie technischen Hintergrundes definiert. Zunächst muß dazu bemerkt werden, daß solche Einteilungen aus westlicher Sicht immer wieder zu verschiedenen Mißverständnissen Anlaß geben, die aus der irrigen Auffassung resultieren, spirituelle Konzepte würden in der Regel mit groben Vereinfachungen operieren, um zweifelhafte, metaphysische Hypothesen zu rechtfertigen.

Der Fehler in dieser Herangehensweise besteht in dem Ansatz, das spirituelle Verständnis dieser Vereinfachungen, Analogien und systematischen Strukturierungen werte diese als quasi absolute Wahrheiten. Ich glaube, daß die Schwierigkeiten des westlichen Betrachters mit der Unterscheidung zwischen Methode und Motiv zu tun haben. Tatsächlich stellen die philosophischen Abstraktionen, so auch die folgende Einteilung der verschiedenen Meistertypen, eine Methode dar, sich der Wirklichkeit zu nähern, sie sind jedoch keinesfalls mit dieser identisch.

Aus diesen Darlegungen wird offensichtlich, weshalb der wissenschaftliche Standpunkt spirituellen Konzepten oft eine generalisierende Tendenz unterstellt und sie als Laienpsychologie abqualifiziert. Man muß ganz einfach den strategischen Kontext solcher Methoden kennen, um zu verstehen, was die Kampfkunst Meister durch sie intendieren. Aus der Sicht des Zen - Buddhismus müssen derartige Systematisierungen dem Prozeß des tieferen Verstehens nützlich sein, das heißt, ihr Wert ergibt sich aus der Mannigfaltigkeit und Tiefgründigkeit ihrer möglichen Explikationen.

Im Folgenden werde ich also die traditionelle Auffassung der Kampfkunst von den unterschiedlichen Typen der als Meister bezeichneten Personen darstellen. In dieser Betrachtung offenbart sich auch eine Wertung, die einen graduell ansteigenden Anspruch beschreibt, in dem sie beim Pseudo - Meister ansetzt und in der Darstellung des vollkommenen Meisters gipfelt. In der Praxis existieren selbverständlich unzählige Mischformen dieser Typen, auch kommt es nicht selten vor, daß ein Meister im Laufe seiner Entwicklung unterschiedlichen Charakterisierungen entspricht. Aus diesem Blickwinkel kann die folgende Unterteilung auch als Beschreibung verschiedener Phasen innerhalb der indviduellen Entwicklung verstanden werden.

Der Scharlatan
Auf der untersten Ebene treiben Personen ihr Unwesen, die sich selbst als Meister bezeichnen und von ihren Schülern weithin auch als solche verstanden werden, jedoch jedes sowohl technische als auch spirituelle Verständnis vermissen lassen. Nicht wenige der von mir in modernen Kampfschulen beobachteten Lehrer entsprechen diesem Typus. Bei der Analyse ihrer technischen Fähigkeiten fällt eine derart unvollkommene Durchdringung des Essentiellen auf, daß an dem unseriösen Charakter ihres Lehrerstatus kein Zweifel bestehen kann. Diese Lehrer sind Betrüger. Sie maßen sich aus individuell verschiedenen Gründen die Autorität des Meisters an, nicht selten, um ihrem Ego zu dienen, manchmals aus finanziellen Interessen oder auch, weil sie einfach nicht wissen, was es mit der Kampfkunst in Wirklichkeit auf sich hat. Ich sage dies, um zu verdeutlichen, daß im Falle des Scharlatans nicht immer das Motiv der vorsätzlichen Täuschung vorliegt. Es gibt ganz einfach viele unter ihnen, deren technisches und spirituelles Verständnis zu beschränkt ist, als daß sie auch nur als Lehrer, geschweige denn als wahre Meister gelten könnten.

Der Dilettant
Der zweite Typus dieser Systematik wird als Dilettant bezeichnet. Er verfügt zwar über eine differenziertere Kenntnis der Technik sowie eine gewisse Könnerschaft in ihrer Ausführung und nicht selten auch über einen intuitiven Zugang zum spirituellen Kontext der Kampfkunst, kann jedoch deshalb nicht als seriös gelten, weil seine "Kunst" im Wesentlichen aus Nachahmung der tradierten äußeren Prinzipien resultiert. Ihm fehlt es an jeder individuellen, tiefgründigen Auseinandersetzung mit diesen Prinzipien. Sein Metier ist das Zeremoniell und die oberflächliche Technik. Nicht selten üben sich diese "Meister" in vollmundiger Lobpreisung ihres Stiles sowie innovationslosen Auslegungen philosophischer Gemeinplätze. Sie ermüden ihre Schüler mit uninspirierten Phrasen, die ihrem Unterricht den Anschein von Authentizität verleihen sollen. Die nähere Betrachtung jedoch offenbart, wie oberflächlich ihr Verständnis in Wahrheit ist, denn es beruht nicht auf der authentischen persönlichen Erfahrung, sondern, wie bereits beschrieben, auf dem Kopieren überlieferter Etikette. Meinen Beobachtungen zufolge, stellt dieser Typus die überwiegende Mehrheit der aktiven Lehrer dar. Ihr Anspruch, zu lehren ist nicht völlig unberechtigt, wohl aber ihr Selbstverständnis als Meister der Kampfkunst.

Der seriöse Meister
Kommen wir nun zum Typus des seriösen Meisters. Einen solchen Lehrer zu finden, ist unglaublich schwierig. Der seriöse Meister versteht entweder soviel von der spirituellen Lehre, z.B. dem Zen, daß er in der Lage ist, die Kampfkunst zu durchdringen oder aber er ist der Kunst praktisch und philosophisch so stark verbunden, daß er an der Schwelle zum Verständnis des Zen steht. In beiden Varianten zeigt sich eine tiefe Verbindung zwischen Spiritualität und Praxis. Der seriöse Meister läßt eine tiefgründige persönliche Auseinandersetzung mit der Tradition erkennen, er behandelt die Angelegenheiten seines Lebens und der Schule auf sowohl pragmatische als auch spirituelle Weise. Jeder Schüler, der die Bekanntschaft eines solchen Meisters macht, kann sich glücklich schätzen. Es gibt nur noch eine Meisterklasse, die dem seriösen Meister überlegen ist, doch der Versuch einen Vertreter dieses Typus zu finden, ist heutzutage nahezu aussichtslos.

Der erleuchtete Meister
Der Typus des vollkommenen Kampfkunst - Meisters verkörpert den erleuchteten Lehrer. Er ist sowohl Meister des Zen oder des Daoismus als auch Meister der Kampfkunst, er beherrscht Technik, Strategie und Methodik in vollendeter Weise. Die Tiefe seiner Erkenntnis des Universellen befreit ihn von den Fesseln des illusionären Haftens an der Vorstellung eines Egos. Er ist ein Buddha und hat die Grenzen seiner Persönlichkeit transzendiert.

Auf den persönlichen Werdegang bezogen kann man im Wesentlichen drei verschiedene Klassen des vollkommenen Meisters identifizieren.

Zunächst ist hier jene Gruppe zu nennen, deren ursprüngliches Motiv in der Meisterung des Zen lag. Die Auseinandersetzung mit der Lehre des Zen führte sie zu den Zen Künsten, speziell zur Kampfkunst. Nicht selten hatten sie bereits Satori (Erleuchtung) erlangt oder standen unmittelbar davor, als sie mit dem Studium der Kampfkunst begannen.

Die zweite Gruppe repräsentieren jene Meister, die über das Studium der Kampfkunst an Zen oder Daoismus herangeführt wurden und im Laufe ihrer Entwicklung Satori erlangten, wobei nicht genau geklärt werden kann, ob die für diesen Durchbruch notwendigen psychischen Vorausetzungen primär aus der Beschäftigung mit den üblichen Zen - Praktiken oder denen der Kampfkunst resultieren, da beide, wie bereits beschrieben, trotz ihrer Unterschiede im Grunde identisch sind.

Die dritte Gruppe der vollkommenen Meister weisen im Zusammenhang ihrer Ausbildung das Merkmal auf, daß diese Ausbildung von Beginn an den spirituellen Kontext von Zen oder Daoismus mit der Praxis der Kampfkunst identifizierte. Im Beispiel der legendären Shaolin - Mönche, wohlgemerkt der historischen Vertreter dieser Schule, erblicken wir diese Art von Kampfkunst - Meistern. Sie unterschieden Kampfkunst und Zen (bzw. Chan) nicht einmal in Ansätzen, sondern sahen in der Übung der Techniken die eigentliche Praxis des Spirituellen. Obwohl sie grundsätzlich der Auffassung zuneigten, die Erkenntnis des Universellen sei auf verschiedene Weise möglich, so unterstellten sie jedoch den Prinzipien der Kampfkunst die essentiellste Manifestation der Lehre des Zen.

Nach diesen Betrachtungen möchte ich das Phänomen des Meisters auf etwas weniger formelle Weise beleuchten, denn wie mir scheint, könnte die dargestellte Systematisierung von dem einen oder anderen Leser aus bereits beschriebenen Gründen mißverstanden werden.

Ich habe bereits erwähnt, daß der Meister die höchste Ebene des Rangsystems darstellt und uneingeschränkte Autorität genießt. Diese Konzentration von Macht innerhalb der sozialen Struktur der Schule war und ist Anlaß für heftigste Kritik von verschiedenen Seiten. Selbstverständlich verletzt solch eine Hierarchie den demokratischen Grundgedanken, der von einer Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit aller Mitglieder innerhalb einer Gemeinschaft ausgeht. Die Geschichte kennt zahlreiche Beispiele für die katastrophalen Konsequenzen religiöser oder weltlicher Machtkonzentration. Aus diesem Grunde müssen wir uns mit dem Vorwurf auseinandersetzen, die Hierarchie des Graduierungssystems widerspäche den Prinzipien und Errungenschaften der modernen Zivilisation. Es sei von vornherein bemerkt, daß jede Argumentation gegen diesen Vorwurf anfechtbar bleiben wird, da sie mit Größen operiert, die selbst relativ problematisch sind. Im Abschnitt "Sektierertum und geistige Manipulation" werde ich ausführlicher zu der Gefahr des Machtmißbrauchs innerhalb traditioneller Schulen eigehen, doch soll hier schon eine vorbereitende Betrachtung dieses heiklen Themas unternommen werden.

Der Ansatz des spirituellen Konzeptes geht von der prinzipiellen Möglichkeit eines kontinuierlichen oder unter Umständen schlagartigen technischen und geistigen Fortschritts aus. Die Person, in der sich innerhalb einer Schule die am weitesten fortgeschrittene technische und geistige Entwicklung manifestiert, wird als Meister betrachtet. Problematisch ist dieser Ansatz schon allein deshalb, weil es schließlich der Meister selbst ist, der definiert, was die Schüler unter geistigem Fortschritt zu verstehen haben.

Allerdings muß man sich bewußtmachen, daß das Oberhaupt einer Schule sich ebenfalls bestimmten, mehr oder weniger streng durch die entsprechende Tradition definierten Prinzipien unterwerfen muß, um überhaupt als Meister gelten zu können. Im Idealfall kann eine Schule auf eine lange Kette von Meistern verweisen, die sogenannte Dharma - Folge, deren Wirken in der authentischen Überlieferung der Lehre von Meister zu Meister besteht.

Im Zuge der weltweiten Verbreitung spiritueller Systeme wurde diese Dharma - Folge natürlich an verschiedenen Stellen unterbrochen. Im Falle der Kampfkunst tauchten Mitte des 20. Jahrhunderts plötzlich überall in Europa echte sowie selbsternannte Meister auf, deren Kompetenz zunächst niemand beurteilen konnte. Diese Lehrer bildeten Schüler in den unterschiedlichsten Künsten aus. Viele bestätigten ihren Anhängern die Meistergraduierung schon nach wenigen Jahren des Übens, was zu einer Verfälschung der Tradition führte.

Auch heute noch stellt die inflationäre Anerkennung des Meisterstatus eine schwere Belastung für die gesamte Struktur der Kampfkünste dar, denn sie bringt die Tradition in Mißkredit, da es mittlerweile mehr schwarzgurt - tragende Stümper und Scharlatane als echte Meister gibt. Diese Entwicklung führte zu einer weiteren verhängsnisvollen Konsequenz: die Bedeutung des Meisters als geistigem Führer seiner Schüler wurde verfälscht und auf die Rolle eines Trainers sportiver Übungen reduziert. Meisterschaft wird heute irrtümlicherweise mit technischer Könnerschaft identifiziert, die allenfalls ein Vorstadium zum spirituellen Durchbruch darstellen kann.

Diese Überlegungen zusammenfassend kann also festgestellt werden, daß oben erwähnten Kritkern gegenüber die Gefahr des Machtmißbrauchs durch Personen, die sich als Meister bezeichnen und Schüler ausbilden, eingestanden werden muß, da es unglaublich schwer ist, die wirklichen Beweggründe dieser Personen zu durchschauen. Aus diesem Grunde sollte jeder, der sich mit der Absicht trägt, der Schulung eines spirituellen Meisters zu folgen, zunächst kritisch prüfen, was dieser zu sagen hat und wie er seine Lehren persönlich umsetzt.

Aus traditioneller Sicht ist dies ein heikles Thema, denn kein Meister preist seine Lehren an, wie der Markthändler das Gemüse, welches er zu verkaufen trachtet. Ich habe einige Männer und auch Frauen erlebt, die ich als Meister bezeichnen würde, die jedoch alles andere als gesprächig oder mitteilsam waren. Es widerspricht ganz einfach dem Konzept spiritueller Schulung, potentiellen oder auch tatsächlichen Schülern eine Art Übungskatalog vorzulegen, anhand dessen man ableiten könnte, worin genau der Inhalt der entsprechenden Schule besteht.

Dies sollte jedoch nicht als Marotte oder Kunstgriff zum Zwecke der Mystifizierung verstanden werden, sondern als wesentlicher Aspekt spiritueller Pädagogik. Jede Form theoretischer Erörterung läuft Gefahr, Gegenstand unfruchtbarer Interpretation und müßiger Spekulation zu werden. Nach einem indischen Gleichnis gehen drei Blinde in dem Versuch fehl, die Gestalt eines Elefanten zu erfassen, weil einer von ihnen am Kopfende den Rüssel befühlt und behauptet, ein Elefant sei etwas Weiches, Schlauchartiges, der zweite, seitlich stehend, ein Bein abtastet und meint, ein Elefant sei fest und säulenförmig und der dritte Blinde, am Hinterteil den Schwanz befühlend, glaubt, es müsse sich bei einem Elefanten um ein seilförmiges Gebilde handeln.

Ähnlich verhält es sich mit der Erörterung spiritueller Konzepte durch unreife Schüler. Erst der Durchbruch in eine höhere Ebene des Bewußtseins ermöglicht die umfassende Schau der gelehrten Prinzipien. Natürlich ist dies für jeden Europäer eine problematische Methode, denn wir erwarten, daß man uns mit Klarheit darlegt, worum genau es sich bei einer Übung handelt. Ich glaube, daß die Meister der heutigen Zeit, sofern sie eine unserer ursprünglichen Kultur fremde Tradition lehren aus diesen Überlegungen Konsequenzen ziehen müssen. Der Mißbrauch des Meisterstatus, die Verfälschung der ursprünglichen Lehre und die kulturfremden Schulungsmethoden zwingen den verantwortungsbewußten Meister zu einer Überprüfung der überlieferten Prinzipien.

Viele anerkannte japanische und chinesische Lehrer haben ihre Methoden verändert, als sie begannen, im Westen zu unterrichten, denn ihnen wurde bewußt, daß asiatische Kultur nicht ohne weiteres mit der Europas kompatibel ist. Wichtig hierbei ist allerdings das Bewahren des eigentlichen Inhalts einer Lehre.

Gibt es für den Schüler Möglichkeiten, die Seriosität ihres Meisters zu prüfen? Zunächst muß man natürlich feststellen, daß dies ein schwieriges Unterfangen darstellt, denn wie bereits ausgeführt wurde, läßt sich die Person des Meisters nicht mit gewöhnlichen Maßstäben messen. Allerdings ist es durchaus möglich, bestimmte Indizien heranzuziehen, um zu klären, wie ernsthaft Methoden und Inhalt einer Schule sind.

Ein wichtiges Merkmal seriöser Schulung ist die Wahrhaftigkeit ihres Meisters. Wenn dieser sich an die von ihm selbst gelehrten Prinzipien nicht hält, liegt der Schluß nahe, daß wir es mit einem Scharlatan zu tun haben. Kein echter Meister verlangt von seinen Schülern Bemühungen oder Entbehrungen, die er persönlich zu leisten nicht fähig ist. Es ist selbstverständlich, daß sich der Kampfkunst - Meister den gleichen Prozeduren des Übens, der Askese oder der Meditation unterwirft, die er seinen Schülern abverlangt.

Natürlich wird sich sein Training auf andere Bereiche konzentrieren, besonders ältere Meister widmen sich mehr energetischen oder geistigen Aspekten ihrer Kunst als dem Training von Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit oder Basistechniken. Wenn ein vermeintlicher Meister allerdings keinerlei Bemühung um Fortschritt in seiner Kunst zeigt, so ist Skepsis zumindest mehr als angebracht. Ein weiterer Aspekt ist die Kontinuität der Methoden und die Geschlossenheit der vermittelten Inhalte. Zwar muß man jedem Meister das Recht zu Revision, Neustrukturierung und Feinschliff der Methodik zugestehen, denn die Einsichten, zu denen ein Lehrer im Laufe seiner Entwicklung gelangt, können dies erfordern. Wenn sich ein Meister hingegen wiederholt selbst widerspricht, heute das Eine propagiert und morgen etwas völlig anderes, so sollte man das Weite suchen.

Die unverschämten Kursgebühren, die einige Lehrer ihren Schülern abverlangen sind durchaus als Indiz für das Motiv persönlicher Bereicherung zu werten. Diese Methoden beschämen die Lehre und sollten mit radikaler Distanzierung quittiert werden. Die zusammengetragenen Hinweise mögen die Bewertung der Seriosität einer Schule erleichtern, befriedigen können sie allerdings nicht, denn natürlich verstehen sich viele Pseudo - Lehrer darauf, ihre eigentlichen Intentionen zu verbergen. Hinzu kommt, daß viele der größten Meister sowohl in den Kampfkünsten als auch im Zen sehr bizarre Persönlichkeiten waren, deren oberflächliche Einschätzung durch den unwissenden Schüler zweifellos zu ihren Ungunsten ausfallen müßte.

In der Geschichte des Kung Fu gab es zahlreiche Meister, die dem Alkohol mehr als zugeneigt waren - einige von ihnen entwickelten skurrile aber eindrucksvolle Stile, wie z.B. den Stil des betrunkenen Affen, den Stil des betrunkenen Meisters etc. Von verschiedenen Zen - Meistern wird behaupetet, daß sie starke Zigaretten rauchten, häufig unflätig fluchten oder hin und wieder im Hurenviertel gesichtet wurden. Natürlich fällt es schwer, diesen Berichten Glauben zu schenken. Dennoch kann man wohl anmerken, wie wichtig es ist, sich von der Fiktion zu befreien, Meister müßten soetwas wie gottähnliche Heilige sein. Ich kann Schülern einer Kampfkunst nur empfehlen, das Verhalten ihres Lehrers genau zu beobachten. Jeder sollte sich soviel gesunden Menschenverstand zugestehen, die Annahme eines Lehrers als geistigen Führer frei zu entscheiden oder abzulehnen.

Wird ein Schüler nach Jahren intensiver und kontinuierlicher Übung durch seinen Lehrer zum Meister graduiert, hat er in der Regel bereits beträchtliche Erfahrungen im Unterrichten von Anfängern und älteren Schülern gesammelt. Er kann nun entscheiden, die Ausbildung bei seinem Lehrer fortzusetzen, um sich mit den komplexeren Themen der Energiemanipulation, Kampfstrategie, traditionellen Medizin etc. zu beschäftigen oder eine eigene Schule eröffnen und vielleicht sogar einen eigenen Stil begründen. Dies alles hängt von sehr unterschiedlichen Faktoren ab.

Nicht jeder hervorragende Meister ist auch ein guter Pädagoge. Die Fähigkeit, die komplexen Zusammenhänge der Lehre angemessen zu vermitteln, resultiert aus der Persönlichkeit, dem Charakter und den Interessen des jeweiligen Meisters. Einige Lehrer sind wortkarg, introvertiert und werfen ihren Schülern Hinweise zu wie ein hartes, trockenes Stück Brot. Andere hingegen sind hervorragende Rhetoriker und glänzende Dramaturgen. Sie inzenieren das Training auf eindrucksvolle Weise und überwältigen durch Improvisationstalent und Innovation. Das Spektrum der möglichen Erscheinungsformen, in der sich uns ein wahrer Meister präsentieren kann, ist breit gefächert. Allen gemein ist jedoch eine hohe Verantwortungsbereitschaft, denn schließlich können sie das Leben eines Schülers nicht nur inspirieren sondern im schlimmsten Fall auch ruinieren.

Dieses Bewußtsein der eigenen Verantwortung ist unbedingete Voraussetzung für die Qualifikation zum Unterrichten. Wer sich außerstande sieht, diesem Anspruch gerecht zu werden, was an sich eine legitime Angelegenheit darstellt, muß auf das Unterrichten von Schülern verzichten. Wie genau aber geht ein Kampfkunst - Meister bei der Vermittlung der Lehre seiner Tradition vor?

Häufig kopiert er die Strategien seines eigenen Meisters, hin und wieder aber entscheiden sich Meister für andere Konzepte oder entwickeln selbst neue Methoden. In der Regel beruht das Konzept der Unterweisung in den Kampfkünsten auf der Schulung die beim Groben, Einfachen beginnt, im Laufe der Entwicklung komplexer wird und schließlich in der Hohen Schule, den ausgefeiltesten Techniken, der Energielehre etc. gipfelt.

Wie bereits erwähnt wird das Anfängertraining häufig von geeigneten fortgeschrittenen Schülern geleitet, die selbst von Meisterschülern und diese vom Meister unterrichtet werden. Auf diese Weise wird die Rangordnung innerhalb der Hierarchie gefestigt, jeder Schüler erhält die Möglichkeit, seinen Teil zum sinnvollen Ablauf des Unterrichts beizutragen und seine Fähigkeiten zu erweitern. Aus der Sicht des Meisters stellt der Anfänger zunächst lediglich einen Schatten seiner wahren Potentiale dar. Bemühung und Disziplin des Anfängers verraten dem Lehrer, auf welcher Stufe der Einsicht in die Zusammenhänge der Lehre er steht. Häufig kommt es zur Stagnation, ein weiterer Fortschritt scheint irgendwie blockiert. In diesem Fall entscheidet der Meister, ob er dem Schüler einfach Zeit geben oder ihn mittels eines Schocks - z.B. im Freien Kampf - zum Durchbruch verhelfen muß.

Die Hinweise des Meisters orientieren sich am geistigen und technischen Niveau des Schülers. Er vermeidet zu hohen Druck ebenso wie nachlässige Führung. Die Aufgabe des Lehrers besteht nicht selten darin, seinen Schüler in emotionale Krisen zu führen, durch deren Bewältigung dieser tiefere Einsicht gewinnt. Solche Krisen können zu regelrechten seelischen Katastrophen ausarten, sind aber gerechtfertigt, wenn der Schüler sehr verhärtet ist und seiner Natur nach angetrieben werden muß, um zu umfassenderer Erkenntnis durchzubrechen. Es ist das Schicksal einiger Meister, daß ihre Methoden von den Schülern zuweilen als herzlos und übertrieben streng beurteilt werden. In diesem Falle kommt es häufig zum Bruch zwischen Lehrer und Schüler. Dieser Bruch wird vom Meister jedoch realistisch eingeschätzt und kann, wenn beide Seiten es wünschen, meist überwunden werden, denn die spirituelle Lehre der Kampfkunst räumt jedem Menschen die Fähigkeit der Entwicklung und des geistigen Fortschritts ein und kann Verfehlungen mit einer gewissen Toleranz begegnen.

Selbstverständlich kann ein Schüler auch so schwere Schande über sich und die Schule bringen, daß sich der Meister außer stande sieht, den Schüler weiterhin zu unterrichten. Chinesische und japanische Erzählungen sind voller Geschichten über das bemerkenswerte Phänomen der Meister - Schüler Beziehung. Sie werden von Kampfkunst - Meistern gern als lehreiche Gleichnisse herangezogen. Generell dienen Legenden, historische Analogien und Zen - Geschichten den Kampfkunst - Meistern als nützliche und zugleich auch ästhetische Metaphern, um den Geist der Schüler zu inspirieren, zu schulen und zu prüfen.

Abschließend sei zur Bedeutung des Meisters noch erwähnt, daß dieser den nicht endenden Weg der Kampfkunst symbolisiert, da auch er bis zu seinem Tode weiter übt. Die Tiefe der Kunst ist unerschöpflich, diejenigen, die ihr folgen wollen, entscheiden sich für ein lebenslanges Studium.

 

Berlin, September 2001


 

Vorträge und Artikel von Thorre Schlaméus

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