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Sektierertum und geistige Manipulation |
| von Thorre Schlaméus |
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Aufgrund unseriöser Praktiken einiger Schulen sind Kampfkunst und Zen - Buddhismus innerhalb der letzten Jahre verstärkt in den Mittelpunkt berechtigter Kritk gerückt worden. Für jeden ernsthaft an diesen Künsten Interessierten ist es deshalb wichtig, sich mit dem Vorwurf des Sektierertums und der geistigen Manipulation zu befassen. Nicht selten lehnen seriöse Meister eine Stellungnahme zu diesen Tendenzen ab, denn sie betrachten sie als Randerscheinungen der wahren Tradition. Allerdings kann diese Haltung zu einigen verhängnisvollen Mißverständnissen unter den Schülern führen. Im Folgenden werde ich erläutern, worin die Gefahren der unseriösen Praxis bestehen und wann sich der Schüler vor diesem Mißbrauch schützen sollte. In diesem Zusammenhang sind folgende Autoren zu erwähnen, die sich kritisch mit der westlichen Praxis des Zen und auch mit den militanten Aspekten der japanischen Zen - Schulung auseinandersetzen: - R. Halfmann: "Zen und Mind Control" Die Kernpunkte der schweren Kritik gegen die Praxis der Kampfkünste sind die autoritären Strukturen der Dojogemeinschaft, der militärischen Drill einiger Schulen, sowie deren ambivalente Grundeinstellung gegenüber der Anwendung von Gewalt und das Phänomen der religiösen Indoktrination. In unserem Zusammenhang sind besonders die spirituellen Methoden der Kampfkunst - Schulung kritisch zu prüfen, denn aus ihnen resultieren auch alle äußere Formen der Trainingsablaufs. Ich beziehe mich dabei teilweise auf die von R.Halfmann in seiner Arbeit "Zen und Mind Control" vorgetragenen Aspekte der kritischen Betrachtung spiritueller Methodologie und ihres Mißbrauchs, denn sie treffen in vielerlei Hinsicht auch auf die Praxis der Kampfkünste zu.
In den Ausführungen einiger Lehrer wird die Praxis der Kampfkunst und ihres spirituellen Hintergrundes als eine für jeden Menschen geeignete Methode der geistigen Transformation und Erweckung dargestellt. Dazu ist grundsätzlich zu bemerken, daß derartige Behauptungen von seiten anerkannter Meister stets kritisiert worden sind. Der japanische Zen - Krieger Suzuki Shosan beleuchtete beispielsweise die Schwierigkeiten, die mit dem Studium einer traditionellen Lehre zusammenhängen und warnte davor, sich mit einer Kunst zu quälen, die nicht den eigenen psychischen und physischen Voraussetzungen entspricht. Er schrieb: "Wenn man mit einer bestimmten Ausbildung beginnt, sollte man darauf achten, daß man sich selbst gegenüber wirklich ehrlich ist. Man sollte sich nicht dazu zwingen, einen Beruf oder eine Kunst zu erlernen, ohne wirklich mit dem Herzen dabei zu sein. Wenn man sich übertriebenen Anstrengungen unterzieht und Entbehrungen auf sich nimmt, dann wird man ermüden und seine Kräfte verbrauchen, ohne den geringsten Nutzen davon zu haben." Auch in der Kampfkunst gilt, daß ein Schüler sehr genau prüfen sollte, ob er wirklich aus dem Herzen heraus handelt, wenn er einen speziellen Stil erlernt. Einige Schulen legen den Schwerpunkt der Ausbildung auf äußere Tugenden, wie z.B. Kraft und Gewandtheit. Andere Stile betonen eher innere Qualitäten, wie Geduld, Sanftheit, Ausdauer und beharrliche Willenskraft. Auch existieren innerhalb der Kampfkunst gravierende Unterschiede in dem physischen Anspruch der Verfahren, dem Einsatz von Bein- und Fausttechniken, der Bodenschule etc. Deshalb sollte sich der Lehrling zunächst fragen, welche Kunst seinem persönlichen Geschmack entspricht. Von einer einzigen Kunst, die den individuellen Gegebenheiten jedes Menschen gerecht würde, kann keine Rede sein. Lehrer, die dies behaupten sind Betrüger. Unseriöse Meister bedienen sich nicht selten recht ausgefeilter Manöver, um Nachfragen von kritischen Laien oder Schülern auszuweichen und auf die Fragesteller zurückzulenken. Diese Taktik ist in ideologisierten Schulungen und Sektengemeinschaften sehr häufig zu beobachten. In der Auseinandersetzung mit interessierten Laien werden dann Fragen, die aus der relativen Perspektive der alltäglichen Realität gestellt wurden, mit Darstellungen des absoluten Standpunktes des Buddhismus bzw. der Kampfkunstspiritualität beantwortet. Auf diese Weise entzieht sich der unseriöse Meister seiner eigentlichen Verantwortung und demonstriert die vermeintliche Beschränktheit des Fragestellers durch die Anwendung eines rhetorischen Kunstgriffes. In diese Kategorie fällt auch die Strategie, den Begriff der Kampfkunst bzw. der geistigen Lehre in ständig wechselnden Bedeutungen zu verwenden. Dadurch wird es unmöglich, ihn auf die Artikulation eines angreifbaren Standpunkes festzulegen. Die Entwicklung von Taktiken, die letztlich auf eine Irreführung des Gegners hinauslaufen war seit jeher fester Bestandteil aller Schulen, in denen eine theoretische Kampfstrategie gelehrt wurde. Wer sich etwas näher mit chinesischen und japanischen Strategien der Kriegsführung auseinandergesetzt hat, weiß, wie extrem hochentwickelt diese Künste gerade in Asien waren und sind. Selbstverständlich werden solche Methoden dann von Personen eingesetzt, die im Grunde nur ihre eigene spirituelle Beschränktheit maskieren wollen. Eine gebräuchliche Taktik sieht folgendermaßen aus: Schüler: Meister, du sagst, daß die Lehre
uns zu besseren Menschen macht. Wie ich aber feststellen muß, besitzt
du selbst einige Schwächen. Du rauchst und trinkst Alkohol. Bedeutet
das nicht, daß entweder mit der Lehre etwas nicht stimmt oder aber,
daß du sie vielleicht noch nicht richtig verwirklicht hast? Diese Taktik existiert in unzähligen Varianten. Indem der Lehrer das kritische Potential der Frage auf deren Urheber zurücklenkt, entzieht er sich geschickt dem eigentlichen Angriff. Natürlich kann solch eine Stategie nur dann wirken, wenn der Schüler zu glauben bereit ist, ihm wäre in seinen Schlußfolgerungen ein Fehler unterlaufen. In der Praxis funktionieren derartige Tricks relativ häufig, weil sie ihre Schlagkraft aus der abstrakten Perspektive eines höheren Wissens ableiten und deshalb per se nicht angreifbar sind. Ein seriöser Meister würde, falls er diese Angewohnheiten besäße, hingegen ehrlich antworten, daß die angesprochen Fehler genau das sind, was sie zu sein scheinen, nämlich Schwächen. Desweiteren baut wirkliche spirituelle Schulung, wenn sie auf theoretischem Gebiet stattfindet, auf einer soliden Basis auf, die es Schüler und Meister ermöglicht, sich auf bereits erörterte Feststellungen zu beziehen. Das permanente Um- und Neubedeuten eines grundsätzlichen Aspektes der Lehre muß zur Verwirrung des Schülers führen und ist deshalb als unglaubwürdig zu bewerten. Weiterhin muß die oft gehörte Aussage, in der Kampfkunst stütze man sich nicht auf eine Art Glaubenssystem, sondern entwickle den ursprünglich freien Geist jenseits aller Theoriegebäude, fragwürdig erscheinen, da sich ein erheblicher Teil der Kampfkunstschulung gerade mit solchen theoretischen Konzepten befaßt. In der ernsthaften spirituellen Schulung ist sowohl dem Schüler als auch dem Meister bewußt, daß weder eine Lehre noch eine Wissenschaft existiert, die für sich absolute Wahrheit beanspruchen könnte. Im Buddhismus verwendet man nicht selten eine Analogie, um die Funktion der Schulung zu verdeutlichen: Wenn man einen breiten Fluß überqueren will, so sollte man hierfür ein gutgezimmertes Floß benutzen. Hat man den Fluß auf diese Weise überquert und das andere Ufer erreicht, so läßt man das Floß am Strand zurück, denn es hat seine Aufgabe erfüllt und wird nun nicht mehr benötigt. In diesem Gleichnis drückt sich das grundsätzliche Verständnis des letztlich illusionären Charakters jeder Lehre aus. Die Frage nach der Qualität einer spirituellen Lehre ist nicht die nach ihrer Wahrheit, sondern die nach ihrer Funktion. So gibt es eben gutgezimmerte Flöße, auf denen man sicher über den Fluß gelangt und weniger geeignete, die vielleicht auf der Mitte des Flußes untergehen. Jeder Mensch sollte nach dem Floß suchen, das ihn trägt, nicht alle sind gleich und für jeden geeignet. Solange sich der Mensch auf dem Fluß befindet muß er seinem Floß vertrauen und trotzdem dessen Zustand ständig prüfen. Das gilt auch für die spirituelle theoretische Schulung. Einige Menschen identifizieren sich mit den herben und strengen Schulungsmethoden des Zen, andere wählen den daoistischen Weg, wiederum andere entwickeln ihre eigene Philosophie. Letztlich sind Worte und Begriffe eben einfach nur Worte und Begriffe. Kann der nach Erkenntnis Strebende den von ihm gewählten Weg vor seinem Herzen und seinem Geist verantworten, so ist das genug. Auch die in allen spirituellen Schulungen zu beobachtenden
Gruppenzwänge sind keinesfalls als irrelevante Begleiterscheinungen
des Transformationsprozesses zu verharmlosen, denn Freiheit und Unabhängigkeit
innerhalb eines strengen Rahmens definierter Verhaltensnormen lassen sich
durch den Schüler nur durch eine Internalisierung des Systems verwirklichen.
Dies bedeutet, daß sich die geistige Haltung des Schülers früher
oder später an den bereits formulierten theoretischen Konstrukten
orientiert, denn die Kontrolle des Verhaltens führt zu einer Kontrolle
des Denkens. Die permanente Unterminierung des Selbstvertrauens des Schülers
durch geistige Manipulation von seiten des unseriösen Meisters führt
schließlich zu einer unselbstständigen und unkritischen Der bereits erwähnte Zen - Krieger Suzuki Shosan schrieb zu diesem Thema: "Diejenigen, die wegen der Welt in die Hölle gekommen sind, können durch den Buddhismus gerettet werden; aber was kann diejenigen retten, die wegen des Buddhismus in die Hölle gekommen sind?" Es ist für jeden Schüler äußerst wichtig zu verstehen, welche tiefgreifenden Veränderungen seiner Psyche durch spirituelle Schulung induziert werden können. Nur derjenige, der sich über diese Perspektive im Klaren ist, sollte sich dazu entschließen, mit dem Studium einer Kunst zu beginnen. Wer nicht von dem ernsthaften Wunsch geleitet wird, zu wirklicher Erkenntnis vorzustoßen, wird auch unkritisch gegenüber den von der jeweiligen Schule praktizierten Methoden sein. Doch gerade die klare Einstellung und Haltung gegenüber den eigenen Intentionen und denen der Schulung ist Voraussetzung für inneres Wachstum. Das Vertrauen in die Lehre und die Fähigkeiten des Meisters ist wichtig, aber dieses Vertrauen sollte auf der ehrlichen Einschätzung der Gegebenheiten beruhen. Sollte ein Lehrer beginnen, seine Schüler zu manipulieren und zu quälen, kann man sicher sein, daß dies nicht der richtige Weg ist.
Das intensive Training der Kampfkunst kann durch das Aufbrechen mehr oder weniger starker Gefühle geprägt sein, die der Schüler besonders in Situationen des inneren Konflikts sehr deutlich wahrnimmt. Das Spektrum der vielfältigen Nuancierungen subjektiver Gefühlsrealitäten, die im Laufe der Schulung erfahren werden, wird von unseriösen Meistern dazu genutzt, Abhängigkeiten zu erzeugen, die den Schüler an seinen Meister, die Lehre und die Gruppe binden. So werden Schüler, die durch persönliche Niederlagen in der Auseinandersetzung mit schwierigen Aufgaben demotiviert sind, mittels manipulativer Techniken, die das weitere Studium, noch härtere Bemühung und festere Bindung an die Prinzipien der Schule als einzigen Ausweg darstellen, zu einer Pseudoerklärung geführt, die das Vertrauen der entsprechenden Person in die eigenen kritischen Fähigkeiten weiter unterminiert. Auch kann die Bewältigung schwerer Herausforderungen, wie z.B. das erfolgreiche Absolvieren des Freien Kampfes, zu einem regelrechten emotionalen Schub führen, der dann von seiten des unseriösen Lehrers als Bestätigung der Schulmethoden interpretiert wird. Aus spiritueller Sicht ist ein Gefühl zunächst einfach nur ein Gefühl. Gefühle entstehen auf unterschiedlichste Weise, sie können Ausdruck ursprünglicher Empfindungen sein oder aus kognitiven Mustern resultieren, die die Realität auf eine bestimmte Weise interpretieren. Die Tatsache der Existenz eines Gefühls innerhalb einer speziellen Situation der Schulung sagt nichts Wesentliches über den Wert der theoretische Grundlage der Schulung aus. Buddhismus und Kampfkunst betrachten grundsätzlich jede Emotion, was deren eigentliche Funktion betrifft, mit Skepsis. Aus diesem Grunde können Gefühle nicht als Bestätigung der Effektivität der Lehrmethode herangezogen werden. Auch in der Kampfkunst treten gruppendynamische Effekte auf. Ein ernsthafter Lehrer muß wissen, wie diese zu steuern sind, damit sie nicht zu Zwängen ausarten, die dem Schüler die Findung eines persönlichen Standpunktes unmöglich machen.
Da in den Kampfkünsten das Erstreben von höheren Idealen auf verschiedenen Ebenen integraler Bestandteil der Ausbildung ist, kann daraus auch eine moralische Abwertung der Menschen, die diese Ideale weder verwirklicht haben noch anstreben resultieren. Unseriöse Lehrer fixieren ihre Schüler auf den elitären Unterschied der unterschiedlichen individuellen Motive, von denen sich ein Mensch bei seinen Handlungen leiten läßt. Hier gilt wiederum die Regel, daß es nicht im Sinne der geistigen Entwicklung liegen kann, den Schüler von seinen Mitmenschen zu entfremden. Jeder Mensch konstruiert persönliche Strategien, um die Herausforderungen des Lebens zu meistern. Zwar kann man analysieren, wie effektiv er darin vorgeht, nicht aber ein moralisches Urteil fällen, das den Anspruch einer absoluten Wertung beinhaltet. Solche Werturteile leiten sich immer von einer bestimmten Ausgangsposition ab, die ihrem Wesen nach relativ sein muß. Was im 13. Jahrhundert als Tugend galt, kann heute verachtet werden und umgekehrt. Auch der Buddhismus und alle anderen Philosophien deuten das Verhalten eines Menschen von einer speziellen Perspektive aus. Schließt man sich dieser Perspektive an, so ist es möglich, innerhalb des durch die Lehre definierten Rahmens gewisse Aussagen zu treffen, so zum Beispiel, daß die Neigung andere Menschen zu unterdrücken dem inneren Fortschritt hinderlich ist. Man kann weiterhin feststellen, daß das Streben nach Vervollkommnung des Geistes eine legitime Möglichkeit des menschlichen Bewußtseins ist. Allerdings ist es absolut unmöglich, ein totales Werturteil über jene Menschen zu fällen, die sich nicht einer spirituellen Schulung unterziehen, denn wie bereits erwähnt, bestimmen nicht nur charakterliche Faktoren über einen solchen Entschluß, sondern der gesamte Kontext gesellschaftlich - kultureller Gegebenheiten, persönlicher Erfahrungen, Erziehung, Bildung etc. Weiterhin stellen unseriöse Schulen die Person des Meisters als einzig autorisierten Kritiker des jeweiligen Bewußtseinszustandes des Schülers dar, woraus zum einen ein verstärktes Abhängigkeitsverhältnis entstehen kann und andererseits die Person des Meister per se als unangreifbar definiert wird, denn schließlich befindet er sich angeblich im Besitz des höheren Wissens, das ihm die Analyse der geistigen Haltung seines Schülers ermöglicht. Durch die Internalisierung metaphysischer Konstruktionen in der Denkhaltung des Schülers entwickelt sich eine anonyme Autorität des Meisters, die letztlich stärker und nachhaltiger auf die Geisteshaltung des Schülers wirkt, als eine offene Autorität, die sich zumindest der kritischen Auseinandersetzung stellen müßte. Obwohl die gedankliche Verschmelzung mit den theoretischen Konstruktionen einer Schule Voraussetzung für die innere Reifung ist, insistiert gerade die buddhistische Philosophie auf der Notwendigkeit, diese Konstruktionen als Werkzeug der Erkenntnis zu verstehen und sie nicht für die Erkenntnis selbst zu halten. Seriöse Schulung bietet Instruktionen an, um die Natur der Dinge in einem übergeordneten Kontext zu erfassen. Diese Instruktionen sollen die Sicht des Schülers ausweiten, nicht jedoch beschränken. Wer die Welt einzig durch die Linse einer speziellen Theorie begreifen will, dabei aber vergißt, sie unmittelbar zu erfahren, wird sehr viel Zeit vergeuden und am Ende vielleicht mit leeren Händen dastehen. Auch ist der Meister kein allwissendes Orakel, das man nur zu befragen braucht, um schlüssige Problemlösungen zu erhalten. Das Wirken des Meisters ist als Kontrapunkt routinierter Denkmuster zu verstehen, nicht als Quelle eigener Erkenntnisse. Eine weiterere Schwierigkeit, der der Schüler begegnen muß, ist der Umgang mit den durch die geistige Lehre formulierten Idealen einer spirituellen Schulung. Aus der Artikulation von in der alltäglichen Realität unerfüllbaren Idealen, z.B. der absoluten Egolosigkeit, resultiert nicht selten eine innere Spaltung des Bewußtseins, wenn der Schüler seine individuellen Eigenschaften mit den zum Dogma erhobenen Leitsätzen nicht in Übereinstimmung bringen kann. Diese Dissoziation des Bewußtseins kann zu schweren Schädungen der Psyche, z.B. Suchtverhalten im Alkoholkonsum, führen. Jede Form eines radikalen Moralismus wird die meisten Menschen in die Defensive treiben, denn es ist einfach unrealistisch anzunehmen, daß solche Ideale, wenn sie keinerlei Abweichung dulden, im alltäglichen Leben durchzuhalten sind. Wie bereits beschrieben stellen unsere Schwächen nicht einfach Störfaktoren dar, die es in heroischer Geste zu vernichten gilt. Vielmehr sollten wir uns um das Verständnis bemühen, unsere wahren Potentiale zu erkennen und zu entwickeln. Obwohl Disziplin im Vermeiden von Dummheiten oder Unachtsamkeiten sicherlich nützlich und auch notwendig ist, empfehlen viele Traditionen, den Blick auf jene Qualitäten zu richten, die eine Verbesserung der Lebensqualität, eine Harmonisierung der widerstreitenden psychischen Kräfte und eine ausgeglichene Beziehung zur Umwelt bewirken können. Es ist Kraftverschwendung, an den eigenen Schwächen zu haften. Eine natürliche und harmonische Entwicklung zu höheren Ebenen des Bewußtseins ist allen Formen radikaler Willensanstrengung vorzuziehen. Nocheinmal Suzuki Shosan: "Der Zweck der Disziplin ist eine Steigerung der Kräfte, deshalb sollte man unbedingt jede Erschöpfung vermeiden."
Die in einigen traditionellen Schulungen eingeforderte Unterwerfung des Schülers gegenüber den Weisungen des Meisters geht nicht selten mit einem rigerosen militärischen Drill einher, dessen Intention über die rein körperliche Unterwerfung hinausgreift. Vielmehr manifestiert sich hier das Motiv, den Schüler zu einer vollständigen psychischen Akzeptanz der Persönlichkeit des Meisters und der Lehre zu bewegen. Wie diese Taktik zu einer immer tieferen Abhängigkeit des Schülers von der Unterweisung des Meisters führen kann, ist offensichtlich. Interessanterweise wirkt solch ein Abhängigkeitsverhältnis nicht nur in einer Richtung. Auch der unseriöse Meister projiziert seine individuellen Vorstellungen auf die Person des Schülers, den er dann als "wahren" oder "folgsamen" Schüler ansieht, wenn dieser unkritisch seinen Anweisungen folgt. Wie bereits beschrieben muß sich jeder ernsthafte Meister eingestehen, daß eine derartige Abhängigkeit zwischen Lehrer und Schüler beiden Seiten schadet und dem spirituellen Ziel der kontinuierlichen persönlichen Befreiung, die durch den Abbau innerer Zwänge gekennzeichnet ist, zuwiderläuft. In der ernsthaften Praxis bemühen sich Meister also gerade darum, ihren Schülern die Notwendigkeit einer persönlichen Auseinandersetzung mit der Welt und der Lehre vor Augen zu führen. Lehrer, die absolute Unterwürfigkeit verlangen, sind Sklaventreiber und sollten abgelehnt werden. Desweiteren resultiert aus der undiffernzierten Applikation militärischer Schulungsmethoden eine fragwürdige Einstellung zu den Motiven von Macht, Gewaltanwendung, Autorität und Kontrolle von seiten des Schülers. Die vielfältigen negativen Konsequenzen müssen hier wohl nicht näher erläutert werden, denn ihr schädlicher Einfluß auf die Geisteshaltung des Schülers liegt auf der Hand. Die eingangs erwähnte Regel, spirituelle Schulung müsse stets das Gleichgewicht zwischen ethischer Grundeinstellung und persönlicher Macht berücksichtigen, gilt sowohl für den Meister als auch den Schüler. Wer Gewalt anwendet, um zu lehren, wird Schüler ausbilden, die in ihrem Leben selbst Gewalt einsetzen und anwenden. Diese Art von Konfliktlösungsstrategie hat nichts mit Spiritulität, sondern mit Machtinteressen zu tun. Auch hier sei dem Schüler geraten, sich eindeutig von diesen Methoden zu distanzieren. Da mir dieses Thema sehr am Herzen liegt, habe ich es recht ausführlich behandelt. Abschließend möchte ich hierzu noch anmerken, daß ich, wäre ich als Schüler vor die Entscheidung zwischen unseriöser Schulung und keinerlei Schulung gestellt, letzteres wählen würde. Allerdings wird in der Praxis eine solche Entscheidung nicht nötig sein, denn dem ernsthaft Suchenden eröffnen sich immer Wege zu innerem Fortschritt.
Berlin, Januar 2002
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